Ankommen im Sinnreich – wie alles begann (The Full Story)

Vor fünf Jahren saß ich in einem Wohnmobil auf einem Dorfplatz unter einer Eiche. Damals wusste ich noch nicht, dass ich dort die nächsten Jahre meines Lebens verbringen würde.

Eigentlich begann diese Geschichte ganz anders. Viele Jahre sind wir einmal im Jahr für unsere Klausurtagung in die Champagne gefahren. Eine kleine Winzerhütte mitten zwischen den Reben. Dort wurde gedacht, diskutiert, verworfen und neu begonnen.

Dann kam Corona. Grenzen, Auflagen, Unsicherheit. Also mieteten wir kurzerhand ein Wohnmobil. Unser Plan war einfach. Wir fahren los und schauen, wo es uns hinzieht. „Süddeutschland“ war dabei übrigens eine sehr rheinländische Definition. Von Köln aus betrachtet beginnt das ungefähr südlich von Köln. Wir trafen Menschen. Freunde. Frühere Wegbegleiter. Tranken Kaffee. Führten Gespräche. Schauten uns Regionen an.

Und kamen am Samstagabend ziemlich ernüchtert wieder in Köln an. Nicht, weil Süddeutschland nicht schön wäre. Ganz im Gegenteil. Es fühlte sich nur nicht nach unserem Ort an. Das Wohnmobil mussten wir erst am Montag zurückgeben. Also sagte Antje irgendwann: „Im Wendland soll es wunderschöne alte Fachwerkhäuser geben.“

Mein erster Gedanke? „Wendland … war das nicht Castor? Gorleben? Irgendwas aus der Tagesschau meiner Kindheit?“ Also tankten wir das Wohnmobil wieder voll und fuhren los. Über die A2. Vorbei an Hannover. Richtung Celle. Und dann passierte etwas, womit ich überhaupt nicht gerechnet hatte. Die Straße wurde immer leerer. Irgendwann fuhren wir durch kilometerlange Alleen. Kein Auto. Kein Lkw. Kein Mensch.

Über eine Stunde lang kam uns kein einziges Fahrzeug entgegen. Ich erinnere mich noch genau an dieses Gefühl. Fast wie Kanada. Eine Weite, von der ich nicht wusste, dass es sie in Deutschland überhaupt gibt.

Mitten in der Nacht kamen wir schließlich irgendwo im Wendland an und suchten uns einen offiziellen Wohnmobilstellplatz. Am nächsten Morgen wollten wir einfach nur eines sehen. Ein Rundlingsdorf. Wir hatten keine Ahnung. Keine Route. Keinen Reiseführer. Nur die Neugier. Wir nahmen das erste Schild, das wir fanden: „Rundlingsmuseum.“

Dass diese kleine Abzweigung unser Leben verändern würde, wussten wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Wir dachten: Wo ein Rundlingsmuseum ist, ist vielleicht auch ein Rundlingsdorf – also fuhren wir los. Und prompt verpassten wir die eigentliche Dorfeinfahrt.

Heute weiß ich: Das ist gar nicht so schwer. Lübeln besteht im Grunde nur aus einer Straße in L-Form. Damals wussten wir das natürlich nicht. Also nahmen wir einfach die nächste Einfahrt. Direkt unter einem Schild: Durchfahrt nur für Anlieger.

Im Fahrerhaus entstand eine ernsthafte Diskussion. „Welches Anliegen haben wir eigentlich?“ Die Antwort war eher kreativ als juristisch. „Nun ja … wir möchten uns das Dorf ansehen.“ Außerdem waren wir mit einem Wohnmobil unterwegs, das sehr eindeutig nach Touristen aussah. Und ich mit meinem britischen Akzent vermutlich auch nicht nach jemandem, der hier seit Generationen wohnt.

Also beschlossen wir, das Risiko einzugehen. Langsam rollten wir die Dorfstraße entlang. Ich schaute aus dem linken Fenster. Und plötzlich stand dort ein Samowar im Fenster. „Antje … hast du das gerade gesehen?“

Warum ausgerechnet ein Samowar unsere Aufmerksamkeit fesselte, weiß ich bis heute nicht. Aber wir wurden langsamer. Sehr viel langsamer. Denn je weiter wir an diesem Haus vorbeifuhren, desto mehr hatten wir das Gefühl: Hier stimmt etwas.

Was wir in diesem Moment noch nicht gesehen hatten, war das Schild am Ende des Grundstücks. Es sollte unser Leben verändern. Wir fuhren langsam an diesem alten Fachwerkhaus vorbei. Vorbei am Samowar. Vorbei an den Fenstern. Vorbei am Garten. Und dann sahen wir es. Ein Holzpfosten. Ein altes Fass. Daran hing ein kleines Schild. Es bewegte sich leicht im Wind. Zwei Worte: Zu verkaufen.

Wir schauten uns an. Ohne große Diskussion. Ohne Pro-und-Contra-Liste. Wir drehten das Wohnmobil mitten auf dem Dorfplatz. Parkten. Stiegen aus. Und setzten uns unter die große Eiche. Dreißig Minuten. Mehr war es nicht. Wir wussten nicht, wie alt das Haus war. Wir wussten nichts über die Bausubstanz. Nichts über den Preis. Nichts über das Wendland. Eigentlich wussten wir gar nichts. Außer einem. Dass wir angekommen waren.

Manchmal fragen mich Menschen, woran man erkennt, dass etwas wirklich passt. Ich glaube nicht, dass man das berechnen kann. Man kann Informationen sammeln. Risiken abwägen. Gutachter beauftragen. Und all das haben wir später auch getan. Aber manchmal weiß der Mensch etwas, bevor der Kopf dafür Argumente gefunden hat. Nach dreißig Minuten unter dieser Eiche stand für uns fest: Hier entsteht das Sinnreich.

Wer glaubt, dass mit der Entscheidung alles einfacher wurde, irrt. Alles, was danach kam, war deutlich komplizierter. Wir erfuhren, dass das Haus bereits in einem laufenden Bieterverfahren war. Nicht gerade die ideale Ausgangslage. Vor allem dann nicht, wenn man weder Investor noch Bauträger ist. Also begannen Wochen voller Fragen. Wie viel können wir überhaupt bieten? Wie bewertet man ein Vierständer-Fachwerkhaus, wenn man vorher noch nie eines besessen hat? Woran erkennt man gute Bausubstanz? Welche Schäden sind normal? Welche existenziell? Und wie finanziert man ein Projekt, das deutlich größer ist als alles, was man bisher gemacht hat?

Rückblickend war das eine Zeit, in der wir sehr viel gelernt haben. Nicht über Häuser. Über Entscheidungen. Denn irgendwann kommt der Punkt, an dem keine Excel-Tabelle mehr hilft. Dann muss man Verantwortung übernehmen. Mit dem Wissen, das man gerade hat. Und akzeptieren, dass der Rest erst unterwegs gelernt wird. Ich glaube, viele Lebensentscheidungen funktionieren genau so. Nicht perfekt vorbereitet. Sondern mutig genug begonnen.

Danach ging gefühlt alles ziemlich schnell. Aus „Das ist unser Ort“ wurde irgendwann tatsächlich: Wir haben ein Haus gekauft. Und damit begann eine völlig neue Realität. Denn wir hatten nicht einfach ein Haus gekauft. Wir hatten ein fast 300 Jahre altes Vierständer-Fachwerkhaus gekauft. Mit Geschichte. Mit Nebengebäuden. Mit alten Möbeln. Mit Böden, die irgendwann einmal schön gewesen waren. Mit Dingen, von denen wir noch nicht wussten, ob wir sie behalten, reparieren oder entsorgen würden. Und vor allem: Mit sehr viel Arbeit.

Unsere Idee war von Anfang an nicht, hier alles neu zu machen. Im Gegenteil. Wir wollten möglichst viel von dem erhalten, was bereits da war. Was funktionierte, sollte bleiben. Was repariert werden konnte, sollte repariert werden. Und was wirklich nicht mehr zu retten war, durfte irgendwann gehen. Das klang zunächst ziemlich einfach. War es natürlich nicht.

Denn plötzlich beschäftigten wir uns mit Fragen, die wir vorher nicht einmal kannten. Welche Materialien passen zu einem alten Fachwerkhaus? Was verträgt die Bausubstanz? Welche Möbel gehören eigentlich zum Haus? Was kann man aufarbeiten? Was muss raus? Und wie bekommt man überhaupt mehrere Jahrzehnte Hausgeschichte aus einem Gebäude, ohne dabei seinen Charakter zu verlieren?

Wir hatten keinen fertigen Masterplan. Wir hatten eher eine Richtung. Und die lautete: Es soll Sinnreich werden. Nicht perfekt. Nicht neu. Sondern ein Ort mit eigener Persönlichkeit. Also begannen wir.  Mit Farbe. Mit Werkzeug. Mit Entscheidungen. Und sehr viel Lernbereitschaft. Was wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht ahnten: Unser nächstes großes Projekt würde nicht das Haus selbst werden. Sondern der Transport. Denn irgendwann mussten all diese Ideen ja auch hierher. Und das Wendland liegt nun einmal nicht hinter dem nächsten Baumarkt.

Wer ein altes Haus übernimmt, übernimmt selten nur ein Haus. Man übernimmt tausend Entscheidungen. Welche Böden? Welche Farben? Welche Möbel bleiben? Was wird repariert? Und was muss wirklich ersetzt werden? Für uns war früh klar: Wir wollten so viel wie möglich erhalten. Nicht aus Nostalgie. Sondern aus Überzeugung. Alles, was noch funktionierte, durfte bleiben. Erst wenn etwas wirklich am Ende seines Lebenszyklus war, wurde es ersetzt.

Gleichzeitig spielte uns ein ungewöhnlicher Zufall in die Karten. Nach der Flutkatastrophe im Ahrtal hatten Hersteller und Baumärkte große zusätzliche Kontingente an Renovierungsmaterial produziert, um den Wiederaufbau zu unterstützen. Als ein Teil dieser Ware später nicht mehr benötigt wurde, kamen hochwertige Restposten in den Verkauf. Für uns bedeutete das etwas Kurioses: Es war günstiger, einen Anhänger in Köln mit Bodenbelägen und Renovierungsmaterial zu beladen und über 400 Kilometer ins Wendland zu fahren, als dieselben Produkte hier vor Ort zu kaufen.

Also pendelten wir. Immer wieder. Köln. Lübeln. Köln. Lübeln. Mit Anhänger. Mit Farbe. Mit Böden. Mit Werkzeug. Mit jeder Menge Optimismus. Irgendwann kannten uns die Mitarbeitenden in den Baumärkten schon. Und wir lernten dabei etwas, das bis heute geblieben ist: Große Projekte bestehen selten aus großen Heldentaten. Sie bestehen aus sehr vielen Fahrten mit einem Anhänger.

Tennensaal im Sinnreich Wendland
Antje und Diane vor dem Sinnreich Wendland

Wir dachten, wir kaufen ein wunderschönes altes Fachwerkhaus. Was wir nicht wussten: Wir kauften ungewollt auch ein Stück seiner Vorgeschichte mit. Erst nach und nach erfuhren wir, dass rund um den Verkauf persönliche und juristische Themen liefen, die mit uns überhaupt nichts zu tun hatten. Für uns war deshalb früh klar: Wir bleiben neutral. Wir wollten weder Richterinnen noch Vermittlerinnen sein. Wir wollten einfach nur Gastgeberinnen werden. Ganz gelang uns das allerdings nicht.

Eines Tages klopfte es an unserer Hintertür. Ich stand gerade in der Küche. Vor der Tür standen zwei Frauen. Sie zeigten ihre Dienstausweise. Kriminalpolizei. Ich erinnere mich noch gut an den ersten Satz. „Alles, was Sie jetzt sagen, kann für das Verfahren relevant sein.“ Ich schaute die beiden an und antwortete nur: „Geben Sie mir bitte einen kleinen Moment. Ich hole kurz unseren Anwalt.“ Wenige Minuten später ließ sich alles ruhig und sachlich klären. Uns wurde erklärt, worum es ging. Wir schilderten, was wir wussten. Und irgendwann wurden wir sogar als Zeugen zu einzelnen Fragen rund um den Hauskauf gehört. Für uns war das damals völlig surreal. Wir wollten eigentlich nur Gardinen ausmessen, Wände streichen und ein Seminarhaus aufbauen. Stattdessen lernten wir sehr früh: Jedes Haus trägt seine eigene Geschichte. Zum Glück beginnt irgendwann ein neues Kapitel.

Als wir 2021 zum ersten Mal ins Wendland fuhren, fühlte es sich an wie das Ende der Welt. Nach Celle wurden die Straßen leer. Der Himmel größer. Die Landschaft weiter. Es war eine Ruhe, die wir aus Köln schlicht nicht kannten. Damals lag der nächste Autobahnanschluss weit entfernt. Genau diese Abgeschiedenheit machte den besonderen Charakter der Region aus.

Heute, fünf Jahre später, wird Stück für Stück an der Verlängerung der A39 gearbeitet. Damit rückt das Wendland infrastrukturell näher an die großen Städte heran. Ein spannender Gedanke. Denn vielleicht wird der Weg hierher künftig deutlich kürzer. Ich hoffe nur, dass sich eines niemals verändert. Diese Weite. Diese Langsamkeit. Dieses Gefühl, dass Begegnungen hier mehr Zeit haben dürfen. 

Über Unterschiede mussten wir übrigens häufiger schmunzeln. In Köln gehörten für uns der Dom, Touristen und der Rosenmontagszug ganz selbstverständlich zum Alltag. Hier erzählten uns Nachbarn nach der ersten Kulturellen Landpartie: „Ihr wurdet ja ganz schön überrannt.“ Wir lächelten. Und dachten nur: Man merkt, dass ihr Rosenmontag in Köln nie erlebt habt. Perspektive ist eben immer eine Frage des Standorts.

 Vor fünf Jahren saßen wir also unter einer Eiche. Mit einem Wohnmobil. Mit einer Idee. Und mit einem Gefühl, das sich nicht erklären ließ. Heute sitzen wir noch immer oft unter dieser Eiche. Nur ist inzwischen vieles entstanden.

Menschen begegnen sich im Sinnreich Wendland.

Coaching findet statt.

Unsere systemische Coaching-Ausbildung wächst.

Der Neurodiversitätstag bringt Menschen zusammen.

Unsere Stiftung ist auf dem Weg.

Und aus einem alten Fachwerkhaus ist Schritt für Schritt ein Ort geworden, an dem Entwicklung, Begegnung und Resonanz stattfinden dürfen. Wenn wir auf diese fünf Jahre zurückblicken, denken wir allerdings nicht zuerst an Baustellen. Nicht an Anhänger voller Baumaterial. Nicht an endlose Renovierungslisten. Wir denken an Menschen. An Familie. An Freundinnen und Freunde. An unsere Nachbarinnen und Nachbarn. An Handwerkerinnen und Handwerker. An Mitarbeitende in Baumärkten, die irgendwann wussten, welches Projekt schon wieder Material brauchte. An Beraterinnen und Berater unserer Bank. An alle, die uns mit Rat, Zeit, Vertrauen oder einfach einem offenen Ohr begleitet haben. Viele Begegnungen waren nur kurz. Andere dauern bis heute an. Jede einzelne hat Spuren hinterlassen. Dafür möchten wir heute einfach Danke sagen.